„Du siehst aus wie ein Gangster“

Wie konservative Musliminnen den Sommer überstehen und Sport treiben

kopftuch02Berlin-Wedding, 32 Grad. Die Sommerhitze drückt auf jeglichen Bewegungsnerv, ein paar Kinder spielen im Brunnen auf dem Nettelbecksplatz, die T-Shirts der Eltern sind hochgekrempelt, kurze Hosen, die meisten Mütter tragen enganliegende Tops.

Im Café sitzen die angehende Studentin Erzsi, 22, und Fatma, 27 und Produktmanagerin, bei einem Joghurtbecher mit Früchten. Ihre Köpfe sind eingehüllt in kunstvoll gewickelte Kopftücher, dazu lange Tunika, lange Hose oder langer Rock. „Das ist gar nicht so warm, wie man sich das immer vorstellt“, sagt Fatma, „wir Muslima tragen extra dünne Stoffe im Sommer. Schwitzen tun alle, auch die mit Top und kurzer Hose. Wobei für Erzsi der Sommer mit Kopftuch ja erst jetzt beginnt.“

kopftuch01Kopftuch aus bewusster Entscheidung

Was Fatma schon seit ihrem zwölften Lebensjahr trägt, legte Erzsi erst vor drei Monaten an. Im November 2006 konvertierte sie zum Islam. Das Kopftuch war für die junge Berlinerin der letzte Schritt, ihren Glauben zu praktizieren. Aufgewachsen in Ostdeutschland, kam Erszi in ihrem ungarisch-deutschen Elternhaus nicht in Kontakt mit Religion.

Zum Islam ist sie durch einen arabischen Exfreund gekommen, sie hatte sich nach der Trennung von ihm weiter intensiv mit dem Glauben beschäftigt. „Ich finde es schön, weil eine Frau im Islam viele Rechte hat. Außerdem gilt es nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer, ihre Reize zu bedecken. Frauen sind natürlich das schönere Geschlecht, da müssen sie eben etwas mehr verdecken“, sagt Erzsi lachend.

kopftuch03 Sport muss sein

Beide jungen Frauen verbindet ein großes Hobby: Sport. Fatma spielt Volleyball – auf Turnieren in der Halle oder draußen mit Freunden und ihrem Ehemann. Sie geht auch gerne schwimmen, joggen und spielt noch Tischtennis und Badminton. Erszi spielt auch Volleyball und macht seit ihrem 16. Lebensjahr Kickboxen, wurde damit Deutsche Vize Meisterin und nahm auch an zwei Weltmeisterschaften teil.

Seit sie 18 ist, kam noch Boxen hinzu. Lange wollte Erzsi Profiboxerin werden – und gute Chancen hätte sie. Eine großes Fragezeichen schlägt den beiden oft entgegen, wenn sie nicht-Muslimas vom Sport erzählen. Sport mit Kopftuch? Was ziehen die beiden an? „Also, für Volleyball, Badminton, Tischtennis bleibt das Kopftuch wie es ist, das heißt mit einem Untertuch und einem Obertuch, befestigt mit einer Nadel“, erklärt Fatma. „Ich habe sogar Nadeln entdeckt, die gut sind für den Sport“ sagt Erzsi, „die sind von einer Plastikhülle umgeben und die reißen nicht so schnell Fäden, wenn sich etwas verhackt.“ Ganz schnell, ohne dass ihre Kopftücher verrutschen, ziehen die beiden ihre Nadeln heraus und zeigen sie.

kopftuch04Das Kopftuch darf nicht verrutschen

Was ist mit Joggen oder Boxen? Verrutscht das Kopftuch da nicht leichter? „Natürlich kann man mit dem normalen Kopftuch auch joggen, aber beim Sport möchte keiner, dass er angestarrt wird. Eigentlich wäre es ne gute Sache, mit Kopftuch zu joggen, allein um zu zeigen, hey, das ist ganz normal, wir bewegen uns auch“, sagt Fatma.

Beim Joggen will sie aber mal nicht an die Gemeinschaft denken, sondern lieber ihre Ruhe haben. Also trägt sie ein enganliegendes Kopftuch in Form eines Schlauches und zieht sich darüber die Kapuze des großen Pullis, den sie sich gern von ihrem Mann ausleiht. Dazu lange Traininghose mit Rock drüber und los geht’s. Erzsi trägt den gleichen Look, wenn sie im Madonna Mädchentreff Kickbox-Kurse anbietet. „Du siehst aus wie ein Gangster“, sagen dann die kleinen Mädchen, die bis auf ein paar Ausnahmen kein Kopftuch tragen.

kopftuch05Eine Entscheidung gegen den Profisport

Ihre alten Boxkollegen fanden es schon komisch, dass Erszi plötzlich nicht mehr in kurzer Hose und Top trainierte. „Durch meine Religion merke ich, dass ich lieber unter Frauen trainieren möchte. Da entfällt dann ja auch die Bedeckungspflicht. Außerdem guckt dich auch keiner an, sondern es geht nur um den Sport.“

Eines hat sich jedoch mit ihrer Wahl das Kopftuch zu tragen, verändert: Erzsi kann nicht mehr Profiboxerin werden, denn nur bei den Amateuren trägt man einen Helm. Darunter könnte sie leicht den Kopftuch-Schlauch tragen, aber ohne Helm als Profi-Boxerin? „Ne, das würde verrutschen. Dafür sind die Schläge und die Wucht beim Boxen einfach zu hart.“ Leicht gefallen sei ihr diese Erkenntnis nicht, aber sie habe sich nun mal für das Kopftuch entschieden.

kopftuch06Zu wenig Sportangebote für muslimische Frauen

Dafür tun sich nun andere Türen auf. Viele Frauen in der muslimischen Gemeinde wollen auch Kickboxen lernen und fragen Erzsi, ob sie nicht ein paar Kurse geben könnte. Nur unter Frauen. Erszi hat Lust, denn in Berlin gibt es nur wenige Orte für muslimisches Frauenfitness. Und wenn, sind sie oft sehr klein.

Noch schlechter bestellt ist es ums Schwimmen in Berlin. Nur zwei Bäder bieten muslimisches Frauenschwimmen an: das Baerwaldbad und das Spreewaldbad, beide in Kreuzberg. Ein oder zwei Mal die Woche für zwei Stunden. Das heißt, im Schwimmbad dürfen nur Frauen sein und Bademeisterinnen. Im Spreewaldbad ist das manchmal ein Problem, weil es nicht genug weibliche Bademeister gibt. Außerdem hat das Bad eine große Glasfront zur Straße hin. Erzsi und Fatma würden dort nicht schwimmen gehen. Eher noch im Baerwaldbad, aber dann mit einem speziellen Look: im Bikinioberteil und in Männerbadeshorts, die die Region vom Bauchnabel bis zum Knie bedecken, wie es der muslimische Glaube will.

kopftuch07Schwimmen im Freibad

Ein Freibad zu besuchen ist für die beiden sehr anstrengend, denn dann würden sie das Kopftuch anlegen und eher noch eine Tunika anziehen. „Man kann auch voll bekleidet ins Freibad gehen. Im Columbia-Bad geht das“, sagt Erzsi. Als sie letztens mit ihrer Mädchengruppe im Freibad war, ist Erzsi allerdings nicht ins Wasser gegangen. „Letztes Jahr war ich oft viel baden gewesen, aber jetzt möchte ich das nicht mehr. Die vielen nackten Menschen sind Reize, die auch mich überfluten.“ Für ihre Arbeit oder die Mädchen macht sie das aber. „Nur meine persönliche Wahl wäre das nicht. Ich möchte lieber unter Frauen bleiben, was Sport und Schwimmen angeht.“

Die beiden Frauen fühlen sich wohl in ihrer Kleidung, mit ihrem Kopftuch. „Du wirst mehr als Persönlichkeit und nicht als Objekt wahrgenommen“, bringt Fatma ihre Einstellung auf den Punkt. Wenn man nicht ständig seinen Körper zeigen müsse, würde man auch nicht über ‚Problemzonen’ nachdenken. „Was für ein Wort?“ entrüstet sich Fatma. „Es sind Körperzonen und keine Probleme! Wir Muslima müssen nicht komplett perfekt und schön sein.“

kopftuch08Einmal jährlich „Muslim Cup“

Sport gehört für Fatma und Erzsi zum Alltag. Die Überlieferung des Propheten Mohammed sagt, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Geist wohne. Der alljährliche Berliner „Muslim Cup“, bei dem am 1. Mai Muslime und Muslima bei Fußball und Volleyball aufeinandertreffen, ist für die beiden ein Höhepunkt im Jahr.

Fatma, die mit ihrer Frauenvolleymannschaft die letzten drei Jahre immer gewann, schickte dieses Jahr im Vorfeld eine Email rum, um andere gute Volleyballspielerinnen zu motivieren, mitzumachen und gegen ihre Mannschaft anzutreten. Es kostete Fatma den Titel, denn Erzsi gewann mit ihrer Mannschaft, den „New Muslimas“. Doch Fatma freute sich für Erzsi: „Wenn wir schon den Pokal abgeben müssen, dann gerne an die neu konvertierten Muslima.“

Wiebke Nieland

08/07

4 Kommentare zu „Du siehst aus wie ein Gangster“

  • ich kenne eine, die übt den Tanzsport mit ihrem Kopftuch aus… anfangs waren alle skeptisch, gar belustigt… heute sieht man das Kopftuch nicht mehr, weil man die Person kennengelernt hat und ihr Persönlichkeit ihr Aussehen komplett in den Schatten gestellt hat..

  • ich bin 14 jahre alt und trage schon seit knapp 4 jahren kopftuch, ich bin sehr kräftigt und sportlich, ich würde auch sehr gerne kickboxen aber finde hier in esslingen oder umgebung nirgendswo, wo NUR mädchens auch mit koptuch im verein kickboxen können:sad: wenn jemand weiß wo man kickboxen kann wie gesagt  nur für mädchens in esslingen oder umgebung soll mit mir bitte kontakt aufnehmen :blush: meine msn adresse: sananelan36@live.de

  • Salam,

    schöner Artikel. Ich hab bevor ich konvertiert bin auch viel Volleyball gespielt und bin dringend auf der Suche nach einer Mannschaft oder einfach Mädels, mit denen ich spielen kann, in Berlin. Wer was weiß, bitte hier als Kommentar posten !! Wäre echt schön, danke.:cwy:

    Maria

Dein Kommentar

 

 

 

:alien: :angel: :angry: :blink: :blush: :cheerful: :cool: :cwy: :devil: :dizzy: :ermm: :face: :getlost: :biggrin: :happy: :heart: :kissing: :lol: :ninja: :pinch: :pouty: :sad: :shocked: :sick: :sideways: :silly: :sleeping: :smile: :tongue: :unsure: :w00t: :wassat: :whistle: :wink: :wub: