Interview mit Tom Buhrow
Tom Buhrow: „Eigentlich fängt mein Arbeitstag schon zu Hause an, wo ich jeden Morgen einen Stapel Zeitungen bekomme. Um halb Zwölf findet unsere Morgenkonferenz statt, in der wir Themen durchsprechen und Ideen sammeln. Der Tag ist dann noch früh, noch im Fluss. Jeder kann sich einbringen und Einfluss nehmen. Inklusive Kritik dauert die Konferenz ungefähr eine Dreiviertelstunde. Bis zur zweiten Redaktionskonferenz um viertel nach Vier gehe ich die Post durch, bearbeite zum Beispiel Zuschauerreaktionen. Wenn man dann noch zu Mittag isst, geht die Zeit schnell vorbei. Nachmittags gehen dann die Telefonate mit Kollegen los, wir sprechen uns ab, wie sie sich den Aufbau der Stücke vorstellen. Ich lese die Mappen mit Hintergrundmaterial von den Agenturen durch, arbeite mich in die einzelnen Themen ein und dann geht es schon langsam auf die Sendung zu.“ Und danach haben Sie frei? „Nach den Tagesthemen machen wir erst mal eine ausführliche Nachbesprechung, dann lese ich noch E-Mails und beantworte alle die Briefe, zu denen ich tagsüber nicht kam. Einschlafen kann ich ohnehin nicht direkt, dazu ist man zu angespannt in der Sendung.“ Dann bleibt aber nicht mehr viel Zeit für Privates… „Das stimmt, das habe ich auch unterschätzt. In der Woche, in der ich moderiere, lebe ich wie in einem Bunker. Meine Familie sehe ich gar nicht. Alle im Haus schlafen, wenn ich nach Hause komme und ich schlafe, wenn der morgendliche Alltag beginnt.“ In Washington mussten Sie sehr viele Leitungsaufgaben übernehmen. Sind Sie in Ihrem jetzigen Job wieder näher am puren Journalismus dran? „Ich habe die Leitungsaufgaben in den USA sehr gerne ausgeübt. Dort war ich außerdem als Reporter dicht an den Ereignissen dran, was auch ein großer Reiz an dem Beruf ist. Jetzt ist der Mix anders. Ich repräsentiere die Tagesthemen auch nach außen hin, ich muss und will Auskunft geben – mit solchen Sachen ist die Zeit jetzt ausgefüllt.“ Als Reporter gehen Sie nun gar nicht mehr raus? „Jetzt würde ich raus gehen, wenn sich die ganze Sendung um ein Thema dreht.” Wenn Sie an herausragende Ereignisse oder Katastrophen – wie beispielsweise den Hurrikan Katrina – zurückdenken, von denen Sie als Korrespondent in den USA berichten mussten – wie reagieren Sie auf solche Nachrichten? „In solchen Momenten überwiegt das Handwerk. Die eigenen Gefühle stehen zunächst im Hintergrund. Nur zwischendurch – in Augenblicken der Ruhe – kommt ins Bewusstsein, wie furchtbar das menschlich gesehen ist. Der Instinkt zieht einen natürlich hin zur Geschichte. Meine Pflichten waren aber auch andere: Ich musste koordinieren, wer wohin geht. Ich habe die politische Berichterstattung, beispielsweise über den Krisenstab und die ankommenden Flüchtlinge, übernommen. Wenn so ein großes Ereignis geschieht, müssen wir verstärken. Nachrichtensendungen wollen bestückt werden, lange Formate sollen produziert werden, Leute werden mit dem Satellitenwagen herumgeschickt. Es war also außer der Reporterarbeit viel Koordinierungsarbeit, die ich zu erledigen hatte.“ Ist Tagesthemenmoderator Ihr Traumberuf? „Ja, es ist mein Traumjob, das habe ich schon lange so gesehen.“ Wussten Sie bereits als kleiner Junge „Ich werde einmal Journalist sein“? Was für Berufsvorstellungen hatten sie vorher? „Ich dachte immer, ich gehe in die Wirtschaft (lacht). Das ist die Welt, aus der mein Vater kommt. Er hatte immer gesagt, ich könne ja Betriebswirtschaft studieren oder noch eine Lehre in der Bank machen. Ich habe das damals einfach so angenommen und nicht darüber nachgedacht, dachte, ich würde Manager werden. Doch dann wurde mir klar, dass ich keine Mathematik, sondern vor allem Geschichte und Politik mag. Ich verschlang Zeitungen und Nachrichten und somit stand mein Berufsziel plötzlich fest.“ Haben Sie schon in der Schule angefangen zu schreiben oder sich in irgendeiner Richtung mit den Medien zu beschäftigen? „In der Schule habe ich hier und da was geschrieben. Zum Beispiel in der zwölften Jahrgangsstufe über einen Klassenausflug. Damals kam anschließend ein Sonderheft heraus, eine Schülerzeitung gab es nicht.“ Wie war Ihre durchschnittliche Deutschnote? „Das weiß ich nicht mehr so genau. Die schwankte. Wenn ich einen strengen Lehrer hatte, wurde die Note schlechter, dann hatte ich keine Lust mehr und habe gestört, daraufhin wurde die Note noch schlechter. Bei einem Lehrer hatte ich allerdings immer eine gute Zwei.“
„Als ich nach dem Abitur wusste, dass ich Journalist werden will, war mir schnell klar, dass ich sofort praktische Erfahrungen brauche und mich nicht erst nach dem Studium darum kümmern kann. Ein Freund, der direkt nach der mittleren Reife in den Journalismus gegangen war, wechselte damals als fester freier Redakteur vom General-Anzeiger zur Rhein-Sieg-Rundschau. Er war sich sicher, dass beim General-Anzeiger nun jemand Neues gesucht würde. So ging ich hin, sagte, dass ich noch keine Erfahrungen hätte, den Job aber gerne machen würde. Erst wurde ich an Veranstaltungstipps gesetzt, kurze Zeit später durfte ich dann raus und über Veranstaltungen berichten.“ Welche Leidenschaft treibt Sie an, sich tagtäglich neuen Orten, Geschehnissen und Menschen zu widmen? Muss ein Journalist für seinen Beruf „brennen“? Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Koffer voller Erfahrungen und Eigenschaften packen für einen jungen Menschen, der unbedingt Journalist werden will. Was kommt rein? Was raten Sie jemandem, der Sie nach persönlichen Tipps, Studienfächern und wie man am besten in den Job reinkommt, fragt? „Persönlich denke ich nicht, dass man unbedingt studiert haben muss. Inhaltlich ist das nicht notwendig. Faktisch allerdings schon, sonst ist der Einstieg sehr schwer. Es ist ratsam ein Fachstudium zu absolvieren, kein Journalismusstudium. Dies verbreitert die Möglichkeiten, wenn es mit dem Journalismus doch nicht klappen sollte. Ebenso gibt es einem eine solide Grundlage.“ Ist jemand, der „irgendwas mit Medien“ machen will, im Journalismus richtig? “Nein, man sollte schon eine konkrete Vorstellung haben. Nur „irgendwas mit Medien“ machen zu wollen –reicht nicht. Ihre ersten Artikel schrieben Sie über Karnevalssitzungen im Rhein-Sieg-Kreis. Waren das die berühmten Kaninchenzüchterverein-Termine, die sich nur mit rheinländischem Humor ertragen lassen? „(lacht) Das ist auch Journalismus und für den Anfang okay. Die Leser wollen zum Beispiel auch Veranstaltungshinweise bekommen, eine Art Nachrichtenservice, der zum Journalismus dazu gehört. Für immer hätten mir solche Geschichten allerdings nicht gereicht.“
Nach den erwähnten Karnevalsartikeln haben Sie dann in den USA Menschen wie George W. Bush oder Mick Jagger interviewt. Wie lauten die Zutaten Ihres Erfolgsrezepts? In einer Studie wurde letztens herausgestellt, dass Journalisten belastet, aber zufrieden sind in Ihrem Job. Muss man stressresistent sein, um diesen Beruf ergreifen zu können? „Ganz klar ja.“ Sie haben einmal gesagt, Sie wollen in jeder Stadt, in der Sie gelebt haben, eine Marathon mitlaufen. Das klingt sehr ehrgeizig. Ist es mit dem Marathon wie mit Ihrem beruflichen Leben: Sie haben Ihr Ziel immer vor Augen und kommen stets an? „Ich komme nicht immer an, aber es ist wichtig, Ziele zu haben und sich selber zu kennen. Wenn das Ziel allerdings nicht von innen kommt, wird man den Weg dorthin auch nicht durchhalten und es nicht erreichen können. Das ist auch besonders wichtig für junge Menschen. Wenn ich als Auslandskorrespondent in die weite Welt will, werde ich dies tun und meinem Ziel andere Dinge unterordnen. Die Familienplanung wird dann nicht mehr oberste Priorität haben und schwerer umzusetzen sein. Man muss sich im Klaren sein, dass ein ins Auge gefasstes Ziel womöglich ein anderes ausschließt. Dann darf man sich aber nicht darüber beschweren. Wer “a” sagt, schließt “b” oftmals aus. So kann man auch nicht gleichzeitig Urlaub am Strand und im Gebirge machen.“ Sabrina Gundert |
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